Wenn ich etwas über Brad und Angelina lesen oder besser ein paar Bilder sehen möchte, schaue ich mir die Gala an. Wenn ich BWL studieren würde, könnte ich die Financial Times Deutschland lesen. Würde ich ein Essen für Freunde kochen wollen, könnte ich bei dem Magazin Essen & Trinken nachschauen – mach ich nicht, da Kochen eine Gabe ist die der Herr nicht jedem verleiht. Aber möchte ich ein Männermagazin lesen, greife ich auf jeden Fall nicht zur Gala Men.
Das neue Magazin von Gruner + Jahr kommt im Triptychon mit Partnermagazinen daher, die glorreiche Titel wie „Beef!“ und „Business Punk“ tragen. Gala Men dürfte, wenn überhaupt, das erfolgreichste Heft werden. Denn – seien wir ehrlich – wie viele Männer abonnieren semiprofessionelle Koch-Magazine oder versuchen sich als Zwitter zweier Gesellschaftsschichten.
Das Vorzeigemagazin Gruner + Jahrs ging selbstbewusst mit 150.000 Exemplaren an den Start. Wie viele tatsächlich verkauft wurden, ist noch nicht bekannt. Das Ego mit einer solchen Auflage anzufangen ist leider unverständlich. Gala Men wirkt noch etwas zu nah an der original Gala dran. Süße Starfotos, die einen Mann nicht wirklich berühren, sollen zeigen – ja was sollen sie eigentlich zeigen?
Ich habe keine Ahnung. Das Heft ist voller schwammiger Rubriken und Artikel. Ein Interview mit Eva Green, das von 14 Aussagen des Autors vier Fragen enthält, kann keinen angenehmen Lesefluss entstehen lassen. Ein kaltes Portrait – oder eher ein Steckbrief – von Boris Becker ist vollkommen überflüssig und die Brad Pitt Titelstory haut einen auch nicht vom Hocker (was nicht am Autor liegen muss).
Gibt es Mode in dem Heft? Ja, aber nicht innovativ, noch nicht einmal ausreichend interessant. Die Bildstrecken erinnern entweder an die Men’s Health, was kein gutes Vorbild ist, oder sind so unspektakulär inszeniert, das Retorten-Bilder der PR-Agenturen das eigentlich Interessanteste sind – auch wenn man sie schon kennt.
Hat das Heft den Zeitgeist getroffen? Nein, meiner Meinung nach nicht. Es wirkt leider zu schwammig, zu feminin. Ich hätte mir ein Magazin mit Prägnanz und Authentizität gewünscht. Ein Magazin mit Biss und – Entschuldigung für diese Metapher – ein Magazin mit Eiern. Letztendlich kam warmer Eiersalat mit Dosen-Aprikosen heraus.
Und deshalb: Sehr geehrter Herr Lewandowski (Chefredakteur) nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Klassikern guter Magazine und transportieren Sie diese in die Gegenwart. Ich kann Ihnen das Erfolgsmagazin „Tempo“ empfehlen und ihren Autoren das dazugehörige Stilmanifest von 1995. Vielleicht wird dann doch noch was aus dem Heftchen.
Mit freundlichen Grüßen
Tags: Beef!, Boris Becker, Brad Pitt, Businesspunk, gala, Gala Men, Gruner + Jahr, Magazin, Männer, Men's Health



Oktober 22nd, 2009 at 08:37
ich weiß auch nicht was diese print offensive soll – vor allem weil über 90% der Zielgruppe sowieso online sind und dort die selben news kostenlos und wochen vorher lesen können. Vielleicht sollen damit die Geschäftsleute im Lufthansa Flieger, die die Gala in eine Financal Times einwickeln – mental und gesellschaftlich entlastet werden.
Oktober 22nd, 2009 at 10:59
guter artikel jörg – nur wo ist die ausgestreckte hand
was ist denn gut genug gedruckt und gelesen zu werden?
Oktober 22nd, 2009 at 13:20
Ausgestreckte Hand? Ich helfe gerne bei der Umstruktorierung. Das ist meine ausgestreckte Hand. Aber was ich empfehlen kann, ist das Kundenmagazin meines Fleischers. Was dort für Kolumnen über Schweinshaxe drinstehen, ist beeindruckend. Davon könnte sich Herr Lewandowski mal eine Scheibe abschneiden.